Unsere Route führte uns heute aus dem rauen Valparaíso über das direkt angrenzende Viña del Mar zurück in die Hauptstadt Santiago. Obwohl Valparaíso und Viña del Mar nahtlos ineinander übergehen und eine einzige Metropolregion bilden, könnten zwei Städte kaum unterschiedlicher sein.

Während Valparaíso die extreme Armut, die Kriminalität und der verfallene Kolonialcharme dominieren, ist Viña del Mar das propere, wohlhabende Gegenstück. Hier dominieren gepflegte Strandpromenaden, moderne Hochhäuser, Casinos und akkurat gestutzte Grünflächen. Wir haben mit dem Fahrer, der uns abgeholt hat, hier nur kurz gehalten und sind kurz durch einen Teil gefahren.




Wie kommt es zu diesem krassen Kontrast, den ich bisher noch nie in einer anderen Stadt so eng beieinander gesehen habe? Viña del Mar entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert als reiner Rückzugsort und Luxus-Wohnort für die reiche Oberschicht und ausländische Kaufleute, die im dreckigen und geschäftigen Industriehafen von Valparaíso ihr Geld verdienten, aber im Grünen und Sicheren leben wollten. Diese historische Kluft zwischen Arbeiter- und Nobelstadt spürt man bis heute bei jedem Schritt über die Stadtgrenze. Es ist kaum zu glauben, dass Sonne und Schatten nur durch eine Strasse getrennt sind. Hier wohnen und noch ein bisschen nördlicher wohnen auch die Politiker mit ihren Familien, die im Nationalkongress in Valparaiso arbeiten.
Wenn man sich mit Chilenen unterhält, dann sind sie nicht so richtig happy mit dem neuen Präsidenten. José Antonio Kast ist seit dem 11. März 2026 Präsident Chiles. Er gehört dem konservativen bis rechtsgerichteten Lager an. Sein Vorgänger war Gabriel Boric, der von 2022 bis 2026 regierte. Boric stammt aus der studentischen Protestbewegung und gehört dem linken Bündnis an. Bei seinem Amtsantritt galt er als Symbol eines politischen Generationswechsels und als Hoffnungsträger für tiefgreifende soziale Reformen. Viele Chilenen blicken heute jedoch kritisch auf die Boric-Jahre zurück. Genannt werden unter anderem die gescheiterten Verfassungsreformen, eine als zu langsam empfundene Umsetzung seiner politischen Vorhaben, Korruptionsaffären im Umfeld seiner Regierung sowie die verbreitete Sorge über Kriminalität und öffentliche Sicherheit. Dadurch verlor die Regierung im Laufe der Amtszeit deutlich an Zustimmung.
Links der aktuelle Präsident, rechts sein Vorgänger (Photos Wikipedia).


Doch die Chilenen scheinen derzeit etwas ernüchtert. Kast, der vor allem mit den Themen Sicherheit und Wirtschaft gewann, scheint seine Verspreche nicht zu halten. Die Wirtschaft wächst schwächer als erhofft, die Kriminalität bleibt ein Dauerthema, und Sparmaßnahmen des Staates sorgen für Diskussionen. Die Chilenen wissen nicht so richtig, was er macht, sehen ihn selten, haben schon nach ein paar Monaten das Vertrauern und und Hoffnung in ihn verloren, erzählte unser Fahrer, der uns von und nach Santiago gefahren hat. Er ist eigentlich Bauingenieur, hatte eine eigenen kleine Firma mir 18 Angestellten und nur noch Aufträge bis August. Danach ist Schluss. Deshalb fährt er parallel zum Job Touristen umher.
Da wir Santiago in den vergangenen Tagen schon ziemlich ausgiebig erkundet hatten, wollten wir mal wissen, wo die „normalen“ Chilenen sich aufhalten und fuhren zum größten Shoppingcenter Südamerikas, dem Costanera Center ( Es befindet sich im größten Wolkenkratzer des Kontinents). Drinnen bot sich uns eine vertraute Welt. Dieses riesige Einkaufszentrum unterscheidet sich im Grunde überhaupt nicht von den gigantischen Centern in Amerika, China oder Deutschland. Es ist eine verglaste, klimatisierte Welt für sich.

Auch das Publikum wechselte radikal: Nachdem wir in Valparaíso noch so viel sichtbare Armut gesehen hatten, trafen wir hier auf einen völlig anderen Typ Mensch. Hauptsächlich Business-Leute in Anzügen und die gut situierte chilenische Mittelschicht schlendern durch die Gänge. Die Preise sind für uns okay: Paar Schuhe liegt – wenn man die internationalen Luxusmarken einmal auslässt – umgerechnet zwischen 60 und 170 Euro. Damit ist das Einkaufen hier für uns grob ein Drittel preiswerter als in Deutschland.Ungewöhnlich allerdings waren die stark bewaffneten Securities, die im Erdgeschoss vermehrt zu sehen sind.

Hinter diesem gigantischen Komplex steht eine der schillerndsten und mächtigsten Figuren der chilenischen Wirtschaft: der deutsch-chilenische Milliardär Horst Paulmann. Er wurde in Kassel geboren und kam mit seiner Familie als Jugendlicher nach dem Zweiten Weltkrieg über Argentinien nach Chile. Hier baute er mit seiner Holding Cencosud ein gigantisches Einzelhandelsimperium in ganz Lateinamerika auf und hat für den Chilenen ungefähr eine Stellung wie bei uns die Aldi-Brüder. Das Costanera Center ist sein Lebenswerk und ein Monument seines Einflusses.

Das Herzstück im Erdgeschoss bildet der riesige Jumbo-Supermarkt, der ebenfalls zu Paulmanns Imperium gehört. Für die Chilenen ist Jumbo nicht einfach nur ein Supermarkt, sondern das absolute Statussymbol für Qualität und Premium-Einkauf. Entsprechend spektakulär ist das Sortiment: Im Jumbo gab es wirklich alles, was das Herz begehrt – von feinsten chilenischen Steaks bis hin zu einer riesigen Auswahl an Importwaren – sogar deutscher Stollen. Trotz des sich langsam anbahnenden Frühlings draußen schleicht sich drinnen langsam aber sicher Weihnachten hier ein.


Da shoppen bekanntlich hungrig macht, ging es für uns zum Schluss noch in den Foodcourt, wo sich Restaurants aus aller Welt aneinander reihen. Wir blieben lokal und probierten die chilenischen Milanesa- dünne, panierte und gebackenes Schnitzel (aus Rindfleisch oder Hühnchen). Italienische Einwanderer sollen sie nach Südamerika gebracht haben.
Die Chilenen lieben es, ihre Speisen üppig zu belegen. Wir bekamen also drei kleine Milanesas, die jeweils mit mit geschmolzenen Käse und Tomatensauce, einem Spiegelei und mit Guacamole belegt waren.

Am Abend zog es uns wieder ins Barrio Italia, da wo für uns alles am ersten Abend mit Geistern und Hexen begann. Niedrige Häuser, kleine Innenhöfe, Antiquitätengeschäften, Cafés und Restaurants (einige bieten sogar Menüs für Hunde an 😌). Der Name geht auf die vielen italienischen Einwanderer zurück, die sich hier Ende des 19. Jahrhunderts niederließen und das Viertel bis heute prägten.



Wir landeten in einer Pizzeria, die für ihre mehrfach ausgezeichneten Pizzen bekannt ist und mal locker in Italien mithalten kann (das Schöne war, man konnte eine Pizza bestellen, bei der jeder bestimmen konnte, was drauf kommt) – wir hatten eine Hälfte mit Mozzarella,Auberginen und leckeren Hackbällchen, die andere eher traditionell mit Käse, Schinken und Basilikum. Und das Dessert war ebenso ein Traum!
Auf dem Heimweg überholten uns Santiaguinos mit ihren Rädern – zahlreiche Gruppen scheinen sich in der Stadt zu „Cicletadas“ – organisierte gemeinsame Fahrten durch die Stadt – abends zu treffen.

