Schön ist diese Stadt nicht. Sie ist eine Zeitzeugin der Kolonialzeit, an deren bröckelnden Fassaden die extreme Armut vielerorts allgegenwärtig ist. Es ist absolut verwunderlich, dass ausgerechnet hier der offizielle chilenische Regierungssitz angesiedelt ist. Der wuchtige Betonkomplex des Nationalkongresses steht inmitten einer Kulisse, die an vielen Stellen erschreckend heruntergekommen wirkt.Rund 285.000 Menschen leben in der eigentlichen Stadt.


Auf zahlreichen Hügel wandert man durch ein Strassenlabyrinth mit bunt bemalten Häusern und Treppen, an Bars, Restaurants und Kunstgalerien vorbei. Valparaíso ist voll von kreativer Street-Art.





Das Wetter meint es gut mit mir: rund 24 Grad und überwiegend Sonne da sehen sogar die die bunten Wellblechhäuser auf dem deutlich ärmeren Hügel gut aussehen.

Menschen hier sind im Durchschnitt spürbar ärmer als in Santiago. Seit dem Niedergang des Hafens fehlen gut bezahlte Jobs, und ein Großteil der Bevölkerung schlägt sich mit informeller Arbeit durch. Mit der wirtschaftlichen Not kam auch die Kriminalität. Statistisch gesehen ist die Kriminalitätsrate hier im Verhältnis zur Einwohnerzahl sogar höher als in der Hauptstadt. Das unübersichtliche Labyrinth aus engen Gassen, steilen Treppen und dunklen Ecken bietet den idealen Nährboden für Taschendiebe, Trickbetrüger und Raubüberfälle und Bandenkriminalität. Hier hält man das Handy lieber und der Hosentasche statt in der Hand – bis zum Mittag – da musst ich dann die leckersten Empanadas von Valparaiso bezahlen.




Valparaíso besteht aus einem schier endlosen Netz aus zahlreichen, steilen Treppen. Ich weiß nicht, wieviele Hundert oder gar Tausend Treppenstufen ich heute gestiegen bin.






Eigentlich wollte ich mir den Aufstieg mit einem der berühmten, historischen Schrägaufzüge (Ascensores) erleichtern. Doch hier stieß ich auf das größte Paradoxon Chiles: Während man im ganzen Land wirklich alles – selbst Kleinstbeträge – per Kreditkarte bezahlt, nehmen die historischen Aufzüge stur nur Bargeld. Da ich keine Münzen dabei hatte, blieb mir nur der Fußweg.



Da schmeckte die Torta de Milhojas (Tausendblatt-Torte) in einem gemütlichen Hügel-Café direkt doppelt gut. Durch die deutsche Einwanderungswelle im 19. Jahrhundert hat das deutsche Wort „Kuchen“ den Weg direkt in den chilenischen Alltagswortschatz gefunden. Und hier gab es auch den bisher besten Cappuccino der Reise.

Und dann noch etwas zum guten Schluss: nicht nur bei den Kuchen hatten Deutsche ihren Einfluss. Unter anderem gibt es den Pasaje Pastor Schmidt: Der Weg wurde nach dem deutschen evangelischen Geistlichen Wilhelm (oder Guillermo) Schmidt benannt, der im 19. Jahrhundert zur deutschstämmigen protestantischen Gemeinschaft von Valparaíso gehörte. Die deutsche Einwanderung spielte damals eine wichtige wirtschaftliche und kulturelle Rolle in der Hafenstadt, und mehrere Straßen sowie Aussichtspunkte erinnern an Persönlichkeiten dieser Zeit. Ihm wird die Idee zugeschrieben, bereits 1898 einen deutschen Frauenverein mit sozialen Aufgaben zu gründen. Diese Initiative führte später zur „Beneficencia de Señoras Alemanas“, einer wichtigen Wohltätigkeitsorganisation der deutsch-chilenischen Gemeinschaft.Die von ihm angestoßene soziale Arbeit entwickelte sich schließlich zu einem deutschen Altenheim in Valparaíso, das 1936 eröffnet wurde.

