Nach einem guten Frühstück und einer Runde Jogging ging es nach Mendoza Zentrum. Erster Stop : im Parque General San Martín an der Fuente de los Continentes – einem gusseisernen Brunnen, der 1911 aus Frankreich importiert wurde. Er ist inspiriert von den Pariser Luxemburger Gärten und stellt vier Kontinente dar (Amerika, Europa, Asien, Afrika da. Es sind frühsommerliche Temperaturen (24 Grad) und die eiskalte, hausgemachte Limonade war klasse. Dazu ein Alfajor: traditionellen Schokotörtchen mit unterschiedlichen Füllungen wie Dulce de Leche oder einer Art Marmelade. Süß, aber lecker.

Der Park ist 400 Hektar gross und damit etwas größer, als der Central Park in NEw York. Er hat unter anderem einen Golfplatz und einen ein Kilometer langen künstlichen See, auf dem Ruder- und Regattaclubs trainieren. Im Rosengarten duften die Blüten von rund 500 unterschiedlichen Rosenarten, die teilweise handgroße Blüten haben. Leute machen Sport, Picknick oder gehen spazieren. Im Hintergrund sieht man die Anden.

Spannend ist auch das Wasserleitsystem im Parque General San Martín. Es iist überlebenswichtig, um die künstlich geschaffene Oase mitten in einer Wüstenregion am Leben zu erhalten. Mendoza liegt in einer extrem trockenen Steppenzone mit sehr geringen Niederschlägen (ca. 220 mm pro Jahr). Ohne dieses künstliche Bewässerungssystem würde der Park innerhalb kürzester Zeit vertrocknen. Man findet es auch in den Vorstädten. Das ausgeklügelte Netz aus offenen Kanälen und Gräben (Acequias) leitet das Schmelzwasser aus den Andengletschern gezielt zu den Wurzeln. Über manuell bedienbare Schleusen und kleine Wehre (Compuertas) steuern die Parkwächter, welche Abschnitte des Parks wann geflutet werden.

Fußgängerampeln sind selten. Hier orientieren sich die Menschen meist an den normalen Verkehrsampeln oder überqueren die Straße, wenn sich eine sichere Gelegenheit ergibt. Man steht am Zebrastreifen und sucht automatisch nach dem grünen Männchen – vergeblich. Stattdessen beobachtet man die Autos, die Kreuzung und die Einheimischen. Schnell erkennt man, dass hier vieles auf gegenseitiger Aufmerksamkeit basiert.
Besonders interessant ist der Kontrast zu den breiten, von alten Bäumen gesäumten Straßen. Die Stadt wirkt großzügig geplant, doch die Fußgängerinfrastruktur folgt anderen Regeln als in Mitteleuropa. Wer zu Fuß unterwegs ist, übernimmt mehr Eigenverantwortung und muss den Verkehr ständig im Blick behalten.
Nach einigen Tagen wird das fast selbstverständlich. Man wartet nicht mehr auf eine spezielle Fußgängerfreigabe, sondern lernt den Rhythmus der Kreuzungen zu respektieren.

Spannend sind auch die Metallkörbe, die alle paar Meter am Straßenrand stehen. Sie werden oft von unterschiedlichen Stadtbezirken und Anwohnervereinen oder sogar Geschäftsinhabern aufgestellt. Keiner ähnelt dem anderen. Wenn ein Korb beschädigt wird, wird häufig nur lokal ein neuer geschweißt statt ein Standardmodell beschafft. Außerdem fallen die Körbe durch die offenen Metallkonstruktionen auf, weil:
sie bei Sturm weniger Angriffsfläche bieten, Wasser und Staub durchfallen können, die Müllabfuhr die Beutel schnell entnehmen kann,
und sie relativ günstig von lokalen Metallwerkstätten hergestellt werden und umherstreunende Katzen und Hunde nicht so gut rankommen.



Die Stadt Mendoza an sich ist meines Erachtens nicht so sehenswert. Sie wirkt kleiner, als eine Zweimillionen-Stadt, hat ein paar nette Straßen mit Bars und Cafés, aber der europäische Charme von Städten in Italien, Frankreich oder Spanien hat sie bei weitem nicht. Dafür aber rund 1200 Winzer.

Die Bodega Catena Zapata gehört zu den berühmtesten, renommiertesten und geschichtsträchtigsten Weingütern der Welt und wurde 2023 im Ranking der World’s Best Vineyards zur weltweiten Nummer 1 gewählt. Heute ist es das Vik (Chile), direkt von dem historischen deutschen Weingut Schloss Johannisberg im Rheingau gefolgt 😉
Aber zurück Catena Zapata. Das Weingut ist etwas skurril, da es wie eine Maya- Pyramide gebaut wurde und auch sonst ist es eher touristisch durchdacht und wenig „romantisch“. 1902 wurde es von einem italienischen Einwanderer gegründet. Er kam aus einer Wein-Anbau-Familie und ist damit der erste und einzige des Imperiums, der direkt etwas mit Wein zu tun hat. Er nutzte die Malbec-Reben, die eigentlich Ihre Wurzeln in Bordeau hatten und hier gut mit dem Klima – heiße Tage, kalte Nächte und große Höhen – zurechtkommen. Sein Sohn, der Betriebswirt war, gilt als Retter des Malbec. Er traf auf Mondavi in Amerika und eiferte im nach und bewies der Welt, dass Argentinien Spitzenweine von internationalem Format produzieren kann.

Seine Tochter, die das Weingut heute leitet, ist ebenfalls keine gelernte Winzerin, sondern eine in den USA ausgebildete Notfallmedizinerin und Biologin. Sie gründete das Catena Institute of Wine. Unter ihrer Führung wird jede einzelne Weinberg-Parzelle mikrobiologisch analysiert. Es geht um Bodenbeschaffenheit, Sonneneinstrahlung und exakte Laborwerte – pure Wissenschaft und hocheffizientes Management. Und das sieht man auch im Weinkeller, der eher einem Labor mit gelandeten Raumschiffen ähnelt.



Spannend an der Landschaft ist, dass man morgens oft einen klaren Blick auf die Anden hat, der sich im Laufe des Tages zuzieht. Es ist das Ergebnis eines hochdynamischen, thermischen Prozesses, der durch das extreme Aufeinandertreffen von Wüstenklima und Hochgebirge ausgelöst wird. Und einen daran erinnert, dass es ein ungewöhnlicher Ort ist.


Leider haben wir keine Zeit, alle Winzer zu besuchen, aber für einen Zweiten, etwas kleineren und familiäreren hat sie dann doch noch gereicht, die Bodega Lagarde, gegründet im Jahr 1897 und eines der ältesten noch aktiven Weingüter der Region.

Uralte Olivenbäume mit einem Mix aus alten und jungen Reben entsprechen eher der traditionellen Vorstellung eines Weingutes. Und auch hier ist die Kulisse atemberaubend.

Spannend finde ich, dass sie die Wege mit Traubenkernen „auslegen“. Der Staub trägt die Bakterien besser und das will man mit der Schicht, die an feinen Schotter erinnert, minimieren. Ebenso neu war für mich die Art, wie man Reben klont. Man schneidet bei einer Rebe im Frühjahr einen Ast an bestimmten Stellen ab, setzt diesen in die Erde und dann entsteht eine neue Rebe- wie auf dem Bild oben zu sehen ist: rechts die alte Rebe (einige von ihnen hier sind um die 120 Jahre alt) und links die geklonte Rebe . Klar, muss man sie feucht halten, tief genug einpflanzen und ein paar andere Dinge beachten, aber im Prinzip ist es recht einfach.
Nach der Weinverkostung hab es noch ein perfektes Essen mit einem traumhaften Blick. Und für mich das erste Mal ein Flan-Eis mit Speck.

Überraschender weise verfügt Mendoza über ein großes, zusammenhängendes Fahrradnetz. Mit über 340 Kilometern vernetzten Radwegen verbindet es die Metropolregion von Norden nach Süden und ermöglicht es, direkt aus der Stadt hinein in die berühmten Weinregionen zu radeln. In Luján de Cuyo, wo wir gerade wohnen und es zu den Weingütern geht, sind die Radwege asphaltiert und farblich markiert.

Am Straßenrand oder oft auch in den Wohngebieten kommt man an mal kleineren oder größeren Schreinen vorbei. Sie sollen den Reisenden, Pendlern und Radfahrern Schutz auf ihrem Weg bieten. Viele Einheimische bekreuzigen sich im Vorbeigehen oder hupen kurz im Auto, um die Aufmerksamkeit und den Segen des Heiligen oder der Jungfrau für eine sichere Fahrt zu erbitten.Viele dieser kleinen Altäre werden von Privatpersonen oder Nachbarschaftsvereinen privat finanziert und gebaut. Dahinter steckt oft eine Promesa (ein Gelübde): Wenn jemand schwer krank war, einen schweren Unfall überlebt hat oder eine existenzielle Krise überstanden hat, bittet man einen Heiligen um Hilfe. Wird das Gebet erhört, löst man sein Versprechen ein und baut zum Dank so ein Häuschen, hält es sauber und schmückt es regelmäßig mit frischen Blumen.

Und dann gibt es noch das Kabelwirrwarr, das seinen Grund hat.
Mendoza liegt in einer der aktivsten Erdbebenzonen der Welt. Wenn die Erde bebt, reißen Kabel im Boden sehr leicht oder werden durch Erdrutsche und Verschiebungen gequetscht. Der Vorteil der Masten: Oberirdische Kabel haben durch den leichten Durchhang Spielraum. Sie können bei Erschütterungen mitschwingen, ohne sofort zu reißen. Wenn doch ein Kabel beschädigt wird, findet man den Fehler in der Luft sofort. Man muss nicht erst die Straße aufreißen, was bei Erdbebenschäden viel zu lange dauern würde. Und Mendoza ist berühmt für seine gigantischen Alleen mit Platanen und Maulbeerbäumen, die die Straßen wie grüne Tunnel überspannen. Diese Bäume haben über Jahrzehnte hinweg massive, tiefe Wurzelsysteme entwickelt.

Würde man versuchen, Strom- und Internetleitungen unter die Erde zu legen, müsste man das gesamte Wurzelwerk zerstören. Das würde die Bäume töten – und da diese die Stadt im heißen Sommer kühlen, schützt man sie rigoros.
Das eigentliche „Wirrwarr“ entsteht, weil die Masten oft der Stadt oder dem Stromanbieter gehören, aber von Dutzenden Internet-, Telefon- und Kabel-TV-Firmen mitgenutzt werden.
Jedes Mal, wenn ein neuer Anbieter auf den Markt kommt oder ein Nachbar den Internetanbieter wechselt, wird einfach ein neues Kabel dazugehängt. Alte, tote Kabel werden aus Faulheit oder Kostengründen fast nie abmontiert. Sie bleiben einfach hängen und verrotten in der Luft, was über die Jahre zu diesen dicken, wilden Kabelknäueln führt.
So, und dann haben wir noch unsere Wäsche in die Reinigung gebracht, sie sauber, trocken und gefaltet für einen sehr fairen Preis nach einem Tag wieder bekommen und können morgen zu neuen Abenteuern nach Chile starten. Mal schauen, ob die Chilenen auch so freundlich sind, wie die Argentinier. Hier grüßt man sich – auch Fremde -auf der Straße, Taxifahrer sind super freundlich und auch am Flughafen ist jeder hilfsbereit.
