Wer Santorin kennt, kennt das Gedränge. Die engen Gassen von Oia, vollgestopft mit Smartphones, die alle dasselbe Bild aufnehmen, das schon hunderttausende Male aufgenommen wurde. Was diese Insel wirklich ist, zeigt sich nicht zwischen zehn und achtzehn Uhr. Es zeigt sich im Moment davor.
Um vier Uhr fünfzig stand die Kamera auf dem Stativ, ausgerichtet auf den Westkamm der Caldera. Die Luft war kühl und nach Salz und etwas Staubigem, das mit dem Wind vom Festland herübergetragen wird. Kein Mensch war zu sehen. Ein Hund schlief auf einer Mauer und erwachte kurz, um uninteressiert wegzuschauen.
Das erste Licht traf die weißen Fassaden von der Seite – ein warmes Grau, das sich in kurzen Minuten zu Orange und dann zu Weiß entwickelte. Es war kein Sonnenaufgang zum Rahmen, es war ein Vorgang: langsam, sachlich, unausweichlich. Genau das machte ihn sehenswert.
Santorin ist eine Kulisse. Aber manchmal, wenn man früh genug aufsteht, vergisst die Kulisse, dass sie eine ist.
Bildunterschrift: Oia, Santorin, Griechenland — 6. September 2024
EXIF: Canon EOS R5 · RF 24-105mm f/4L IS USM (bei 35mm) · 1/30s · f/8.0 · ISO 100
